Andacht einer gestressten Mutter

Von Nicola Vollkommer   


 

Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name...

Ob ein Vater im Himmel mit einem geheiligten Namen irgendwas mit einer gestreßten Mama

auf Erden mit ungeheiligten Nerven anfangen kann? Nein. Kinder, heute nicht draußen - ihr seht ja,

daß es regnet - wie bitte? - ja, ich weiß, daß es Euch nichts ausmacht naß zu werden, aber mir

macht es was aus...

Dein Reich komme...

Vielleicht gar keine schlechte Idee, Herr - mein „Reich" kommt mir gerade nicht sehr funktionsfähig

vor - nein, Kinder, es gibt nichts zu essen, Ihr habt gerade gefrühstückt. Könnt ihr nicht ein bißchen

spielen?

Dein Wille geschehe...

klingt riskant, hat sich aber immer wieder bewährt, mein Wille ist doch so unberechenbar, launisch,

willkürlich, selbstzentriert. Wenn ich mich deinem Willen anvertraue, habe ich auch mich selber

irgendwie besser in Griff. Kinder, müßt Ihr gerade jetzt brüllende Löwen spielen? Wie wäre es mit

schlafenden Löwen? Ich versuche doch zu beten

Gib uns heute unser tägliches Brot...

Oh, das erinnert mich an was, Herr: Die Kartoffeln wollte ich gleich nach dem Frühstück schälen,

kannst Du ein Moment warten? Ungerne, oder? Ich hatte ja gerade gestern versprochen, die Zeit

mit dir ernster zu nehmen. Gut, es gibt halt wieder Nudeln. Ach du liebe Zeit, jetzt spielen sie

schnarchende Löwen - als nächstes wahrscheinlich hungrige Löwen. Nein, Kinder, es gibt noch kein

Mittagessen, auch keine Kekse. Holt doch die Diddls raus, die sahen heute morgen so einsam aus.

Wo waren wir, Herr?

Vergib uns unsere Schuld-.,.

Wo soll ich da bloß anfangen? Meine Ungeduld, Frust, Undankbarkeit, Lieblosigkeit anderen gegenüber?

Die Liste wäre endlos, Herr. Gibt es nicht zufällig eine Art Pauschalannulierung des ganzen Pakets? Golgatha.

Hatte ich so schnell wieder vergessen. Danke für Golgatha Laß mich es bitte tiefer spüren, was Du dort für

mich getan hast. Laß es mein Leben ändern - aus dem Kopf, ins Herz hinein, wo ich nicht nur theologisch

"informiert" bin, sondern die Realität dieser Sache spüre. Mach mich dafür dankbar. Daß diese unwiderstehliche

göttliche Liebe - nicht meine eigene Anstrengung - mir hilft, ein besserer Mensch zu werden, wenn ich mich auf

sie einlasse. Was war das, Kinder? Die Diddl-Maus ist in die Toilette gefallen? Nein nein, nicht runterspülen,

ich komme gleich Herr, jetzt muss ich wirklich kurz weg... Nein, Diddl ist nicht ertrunken, hört doch auf,

so hässlich zu brüllen, ihr klingt als ob man euch ins Klo gespült hätte, nicht die Maus - und wascht euch

gefälligst die Hände. Nein, wir gehen nicht zu McDonalds. Wo war ich, Herr?

...wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.

Danke für die Erinnerung, Herr. Du bist ganz schön praktisch Eine Art TÜV für die Seele. Bitterkeit schadet

mir selber mehr als denen, gegen die ich bitter bin. Das erlaube ich mir nicht. Hilf mir, meine „Feinde" nicht

nur zu segnen, sondern ihnen von Herzen Gutes zu wünschen. Eine hohe Forderung und eine, die mir überhaupt

nicht schmeckt, Herr - Rachegephantasien machen doch viel mehr Spaß. Aber nur wenn ich Vergebung gelernt

habe bin ich ein freier Mensch. Kinder, hört doch auf zu streiten! Wie kann man sich bloß über ein altes Staubtuch

streiten? Hier, es gibt doch zwei davon.

...und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen...

Gut, daß so ein dicker, runder Teefleck gerade an dieser Steile in meiner Bibel sichtbar geblieben ist. Ich darf

mich bei dir /hinter dir „verstecken" wenn mir diese Welt zu kalt, verwirrend und beängstigend vorkommt - und

das ist keine Feigheit, das magst Du sogar, fordest mich auf, das zu machen!

...denn dein ist die Macht, die Kraft und die Herrlichkeit ... in Ewigkeit...

Guter Abschluß, Herr. Wir fingen mit dem „Himmel" an, jetzt kehren wir dorthin zurück und ich hab irgendwie

das Gefühl, daß Du mich ein Stückchen dorthin mitnimmst - innerlich, zumindest. Und ich schaue meine Umgebung

an mit ihren bedrohlichen Wäschebergen, den klebrigen Fingerabdrücken überall, den Krümmeln unter dem Tisch,

der Duft des Wickeltisches im ganzen Haus... und schmunzelnd und staunend denke ich daran, daß diese genau die

Welt ist, in die Du selber gekommen bist: Die Welt der schreienden Kinder, der gernervten Mütter, der gestressten Väter.

Danke, daß Du nicht auf eine fromme, "keimfreie" Umgebung gewartet hast bevor Du deinen Standardgruß "Friede sei

mit Euch" in diese Unruhe, in diesen Staub des Alltags, hineingesprochen hast - und auch mein Leben dadurch verwandelt.

Amen.

Übrigens, es geht mir irgendwie besser, Herr. Gibt es irgendwas, was ich für dich heute erledigen könnte?