George, der Festtagsbraten

von Nicola Vollkommer

 

Eine Kindheit mitten im afrikanischen Busch brachte für mich und meine beiden Schwestern manches mit sich,

was man aus heutiger Sicht als Verzicht bezeichnen würde. Dass es um Weihnachten herum niemals Schnee gab,

dagegen konnte man nichts machen, aber ansonsten legten meine Eltern eine erstaunliche Fantasie an den Tag,

wenn es darum ging, unter der brennen­den Sonne der heißesten westafrikanischen Jahreszeit eine festliche Stimmung

zu verbreiten. Mit umso mehr Inbrunst sangen wir „I'm dreaming of a white Christmas", oder blickten ehrfurchtsvoll

auf ein kurzerhand umfunktioniertes Palmengewächs, das mit seinem Lametta-Umhang und seiner Engelkrone einen

etwas verlegenen und unbeholfenen Eindruck machte.

 

Mangels Spielwarengeschäften wühlten wir in der sandigen Erde nach Unterhaltungsmöglichkeiten. Meine Schwester

mit ihrem Hang zum Makabren sammelte Knochenreste aus Tierleichen (sie wurde später Ärztin), ich sammelte (lebendige)

Raupen und baute für sie Straßen, Höhlen und Spielplätze, erfand für sie und um sie herum Geschichten. Zu Weihnachten

gab es dann "Ausstellungen", zu denen unsere Eltern feierlich eingeladen wurden. Alles, was sich bewegte, wurde kumpelhaft

in unsere Spielwelt eingebaut, vom Hund bis zu den Tauben im Garten.

 

Eine Sache, auf die eine englische Familie zu Weihnachten selbst mitten in Afrika nicht verzichten durfte, war der

Truthahnbraten. Auf den musste man auch nicht verzichten, den konnte man als Ei auf dem Wochenmarkt erwerben,

selber "ausbrüten lassen" und züchten. Und so machte meine Mutter es auch, Jahr für Jahr. Stattlich und gesund wuchs

der Weihnachtsbraten jedes Jahr heran - mit zwölf Monaten hatte er das ideale Gewicht und die perfekte Fleischqualität

für den Festtisch. Kulinarischer Höhepunkt des Jahres.

 

Einmal hatte der frei herumlaufende Weihnachtsbraten von uns einen Namen bekommen. Er hieß George. Es war das Jahr,

in dem sich unsere selbstgebastelte Spielwelt um das Hühnergelände hinter der Küche drehte. Jedes Huhn bekam einen

Namen und die dazu gehörende Persönlichkeit, George, der hübsche Außenseiter, bot sich als natürlicher Held des Dramas an,

das wir uns ausgedacht hatten. Er wuchs uns daraufhin zunehmend ans Herz - wir spielten sogar mit dem Gedanken, ihn zum

hausinternen Haustier zu befördern, etwa aufs Niveau der Edelpapageien, die im Wohnzimmer übernachten durften.

Unsere Eltern, die nichts von diesen Entwicklungen mitbekommen hatten, ahnten nicht, dass sich gerade die Weihnachtspanne

aller Zeiten anbahnte. Wir vergaßen es schlichtweg, sie in die innige Beziehung, die zwischen uns und George gewachsen war,

einzuweihen. Für unseren Koch war es Routine, am Heiligen Abend dem Truthahn ein rasches und schmerzloses Ende zu machen.

Und so brach der traurigste Weihnachtstag unserer Kindheit an. Der heißgeliebte George, mit Mangofüllung und Walnüssen

kunstvoll ausgestopft, mit Petersilie und Preiselbeersoße festlich garniert, knusprig braun gebraten, bildete den stattlichen

Mittelpunkt der Festtafel. Drei langgezogene Kindermienen, sechs tränengefüllte Kinderaugen, zwei zerknirschte Elterngesichter -

keiner hatte Hunger. Vom nächsten Jahr an gab es zu Weihnachten nur noch Huhn vom Markt.